Reiseführer Braunschweig bestellen

Foto als eCard versenden
Der Braunschweiger Dom wurde 1173 als Kollegiatsstiftskirche von Heinrich dem Löwen, Herzog von Bayern und Sachsen, gegenüber seiner Burg Dankwarderode „zur Ehre St. Blasius’ und St. Johannis des Täufers“ gestiftet und von ihm zu seiner Grablege und der seiner zweiten Gemahlin Mathilde von England bestimmt.
Ursprünge
Die Bauarbeiten begannen im Jahre 1173 nach der Rückkehr Heinrichs aus dem Heiligen Lande, wohin er eine Pilgerreise unternommen hatte. Für die Jahre 1182-1185, die Zeit der ersten Verbannung Heinrichs nach England, wird von einer Bauunterbrechung auszugehen sein. Es ist anzunehmen, dass die Ostseite des Gebäudes um 1188 (dem Jahr der Weihe des noch heute im Dom befindlichen Marienaltars) fertig gestellt gewesen sein dürfte. Obwohl 1195, im Todesjahr Heinrichs des Löwen, das Dach der Kirche abbrannte, dürften ebenfalls die Arbeiten am Langhaus sowie Teilen der Turmgeschosse abgeschlossen gewesen sein.
Als Heinrich 1195 starb, wurde er neben seiner zweiten Ehefrau Mathilde, die bereits 1189 verstorben war, im noch unfertigen Dom beigesetzt. Das im Dom befindliche gemeinsame Grabmal wurde um 1230 gestiftet und ist an dieser Stelle seit dem Mittelalter bezeugt.
Die Bezeichnung „Dom“ erhielt das Bauwerk höchstwahrscheinlich bereits im 14. oder 15. Jahrhundert. Nach mittelalterlichem Verständnis war damit aber nicht so sehr die Kirche eines Bischofs, als vielmehr die eines Stiftes gemeint. Bis in das 19. Jahrhundert trug der Braunschweiger Dom deshalb die Bezeichnung „Stiftskirche“.
Am 29. Dezember 1226 wurde der Dom geweiht und Thomas Becket zum dritten Schutzpatron des Domes erkoren. Seit 1543 ist der Braunschweiger Dom ein protestantisches Gotteshaus.
Architektur
Aufzeichnungen über den Beginn der Arbeiten an dem romanischen Bauwerk und die beauftragten Baumeister existieren heute nicht mehr. Als Anhaltspunkte können lediglich die Weihen der zahlreichen Altäre des Domes herangezogen werden, über die z. T. noch Unterlagen existieren.
Ursprünglich als dreischiffige romanische Pfeilerbasilika im gebundenen System, mit Querhaus, drei Apsiden, Krypta, Hochchor und sächsischem Westriegel konzipiert (wie z.B. ebenfalls beim Dom von Königslutter zu finden) und aus Sandstein (Kalkstein aus dem Elm und Rogensandstein aus dem Nussberg) errichtet, wurde der Dom über die Jahrhunderte hinweg mehrfach erweitert und umgebaut. Die besondere architektonische Gestaltung ergibt sich aus den Pfeilern und Wandvorlagen mit Kantensäulen, würfelförmigen Kapitellen, überhöhten Kreuzgratgewölben, im Mittelschiff als Tonnengewölbe ohne Gurtbögen durchlaufend.
Eine Auswölbung mit einem Tonnengewölbe war für romanische Basiliken zunächst nicht üblich. Meist zog man eine flache Holzdecke über das Hauptschiff. Andere Kirchen wurden zwar schon eher als der Braunschweiger Dom mit einem Tonnengewölbe ausgewölbt, vom Braunschweiger Dom kann man jedoch sagen, dass er eine der ersten Kirchen in Deutschland war, die von Anfang an für eine vollständige Auswölbung konzipiert waren.
Die Ostseite des Domes wurde über die Jahrhunderte hinweg baulich am wenigsten verändert. Auf der Nordseite, zum Burgplatz hin, befindet sich auch das Hauptportal des Gotteshauses, darüber das Wappen des welfischen Kanzlers und Stiftsherren Ludolf Quirre und die Jahreszahl 1469. Die beiden achteckigen Türme des Domes erhielten um 1300 eine gotische Glockenstube, sind aber bis heute unvollendet geblieben.
Zwischen 1322 und 1346 wurde an der Südseite ein weiteres Seitenschiff angefügt, und nachdem man auf der Nordseite das dort bereits bestehende Seitenschiff abgetragen hatte, wurde an seiner statt eine zweischiffige spätgotische Halle erbaut. Die Weihe fand 1477 statt.
Auffällig ist, dass die nördlichen Seitenschiffe im regional untypischen Perpendicular Style, dem Stil der englischen Spätgotik, ausgeführt sind. Kennzeichnend dafür sind die typischen Fenster mit Tudorbögen sowie die Gestaltung der Gewölbe. Die das Gewölbe tragenden Säulen sind nicht, wie regional typisch, Gewandsäulen, sondern sind in sich gedreht und stellen Meisterwerke der Steinmetzkunst dar.
Größere architektonische Veränderungen fanden unter Herzog Rudolf August um 1687 und seinem Bruder Herzog Anton Ulrich um 1700 statt. Zwischen 1866 und 1910 wurde der Dom schließlich grundlegend rekonstruiert und nach dem damaligen Zeitgeschmack (Historismus) umgestaltet.
Ausstattung
Secco-Malereien
Das Kreuzschiff, der hintere Teil des Langhauses und die Apsidien wurden zwischen 1230 und 1250 mit Secco-Malereien ausgestattet, von denen heute noch ca. 80 % erhalten sind. Sie wurden 1845 unter einer Übermalung wieder entdeckt, abgepaust und anschließend restauriert, wobei es im Gegensatz zu der heutigen Auffassung von „Restaurierung“ als konservierender Bewahrung im 19. Jahrhundert durchaus üblich war, phantasievolle Ergänzungen im Sinne des Historismus auszuführen, die allerdings nichts mit dem Original zu tun hatten.
Die Restaurierungs- und Ergänzungsarbeiten erstreckten sich über mehrere Jahrzehnte, namentlich zu nennen sind in diesem Zusammenhang Heinrich Brandes, der Braunschweiger Hofdekorationsmaler Adolf Quensen sowie Prof. August Ottmar Essenwein. Während dieser Zeit wurden auch die Malereien auf den Säulen im Langhaus hinzugefügt, die im Mittelalter sehr wahrscheinlich nicht vorhanden waren. Einige der Malereien auf den Säulen tragen unauffällig den Hinweis „Von Essenwein ergänzt 1880“. Nach den mittelalterlichen Traditionen der Ausmalung romanischer Kirchen wurde jedoch nur das Sanktuarium ausgemalt, nie aber das Langhaus.
Unter wohl weitgehender Übernahme des Gegenständlichen wurde 1880/81 eine vollständige Neubemalung des Domes durchgeführt. 1876 waren bereits die Heiligenfiguren an den Mittelschiffpfeilern geschaffen worden. Ältere Aufnahmen zeigen, dass der Dom damals im gesamten Mittelschiff mit ornamentaler und figürlicher Malerei versehen war.
Am nordwestlichsten Langhauspfeiler sowie im Vierungsgewölbe sind noch heute Inschriften mit dem Namen des mittelalterlichen Künstlers zu finden. Darin verweist ein „Johannes Wale“ oder „Johannes Gallicus“ stolz auf sein Werk: „Würden diese Figuren unter den Lebenden weilen, würden sie mit Recht bei den Göttern wohnen.“
Sowohl die Malereien als auch der Name Gallicus deuten auf eine Beeinflussung des Künstlers aus Frankreich hin. Der Stilbefund der Malereien erlaubt eine Datierung in die Zeit um 1230/50. Außerdem bestehen deutliche Bezüge zur Bemalung der Holzdecke in St. Michael in Hildesheim, deren ausführende Werkstatt eng mit der in Braunschweig verbunden gewesen sein dürfte. Kontinuum ist bei den Darstellungen die gleiche eckige Behandlung besonders der unteren Gewandfalten. Diese kantige Darstellungsform wurde als „Zackenstil“ bezeichnet und war in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sehr weit verbreitet.
Den besten Eindruck des Originalzustandes zeigt der südliche Querhausarm, der 1954/56 in mühevoller Kleinarbeit von Restaurator Fritz Herzig wiederhergestellt wurde. Dabei untersuchte dieser auch die von Johannes Gallicus verwendete Secco-Technik.
Generell folgen solche mittelalterlichen Ausmalungen einem thematisch festgelegten Bildprogramm. Ein Teil der Bilder wendet sich biblischen Themen zu, meist einem ausgeprägt christologischen Bilderzyklus; ein weiterer Teil beschäftigt sich mit der Genealogie des oder der Stifter, ein anderer beschäftigt sich mit der Geschichte der Patrone.
Es sei hier kurz auf die Szenenfolgen eingegangen (vom Chor über die Vierung ins südliche Querhaus): Wurzel Jesse (Stammbaum Jesu), Himmlisches Jerusalem (Weisung), Zyklen von der Auffindung des wahren Kreuzes Jesu durch die Heilige Helena, die Märtyrerlegenden des Heiligen Blasius, Johannes des Täufers und Thomas Becket von Canterbury, das nördliche Querhaus wurde im Anschluss an die Aufdeckung im 19. Jahrhundert mit Szenen aus dem Leben Christi versehen, im Mittelalter waren diese Wände offenbar unbemalt.
In der mittleren Apsis thront der wiederkehrende Christus Pantokrator auf einem Regenbogen, um die Welt zu richten. In den Toren des gemalten Mauerkranzes wachen die zwölf Apostel. Vom Lamm Gottes im Zentrum ausgehend sind Szenen dargestellt, die von der Hoffnung auf neues Leben geprägt sind: die Geburt Christi, die Frauen am leeren Grab des Auferstandenen, das Abendmahl des Auferstandenen mit zwei Jüngern in Emmaus und die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten.
In der Wölbung des Chorraumes ist die irdische Abkunft Jesu von König David zu Maria dargestellt, unter vielfachen Verästelungen zu anderen undefinierbaren Königen, die das gesamte Gewölbe füllen.
Gegenüber der einstigen Kaiserempore im Südquerhaus, also bei jedem Gottesdienst im Angesicht Kaiser Otto IV., ist die Legende von der Auffindung des Heiligen Kreuzes durch die Heilige Helena dargestellt. Sie verweist auf die Pilgerreise Heinrichs des Löwen nach Jerusalem. Da Helena die Mutter Konstantins war, des ersten christlichen Kaisers in Rom und auf einem Schild der streitenden Truppen der Reichsadler zu sehen ist, manifestiert der Fries aber auch das welfische Selbstverständnis als direkte Erben des römischen Kaisertums, wie es Kaiser Otto IV. verkörperte. Bei der Darstellung des Reichsadlers soll es sich um dessen älteste Wiedergabe handeln. Hier zeigt sich auch der Initiator der Ausmalung des Braunschweiger Doms und seine Intention: Otto IV. kümmerte sich bereits zu Lebzeiten um die Gestaltung seiner Grablege. Die thematische Gliederung der Ausmalung ist also im Zusammenhang mit der weiteren Ausgestaltung des Domes als Gesamtausstattung einer kaiserlichen Grablege zu verstehen.
Es gibt ein zusammenhängendes erhaltenes Kontinuum der Wandmalerei. Dieses zeigt – wenn auch teilweise durch die Überarbeitung des 19. Jahrhunderts etwas verfremdet – die Bedeutung von Wandmalereien für den mittelalterlichen Kirchenbau und deren Erzählfreude. Noch mehr als der heutige Besucher war der damalige Betrachter beeindruckt von der bunten Bilderfolge und den prachtvollen, teilweise vergoldeten Szenen, die in ihrer Gesamtheit zu den umfangreichsten Zyklen auf deutschem Boden zählen.
Vor dem Hintergrund der geplanten grundlegenden Bestandssicherung wurde in den letzten Jahren eine weit reichende Bestandsaufnahme zur Vorbereitung einer groß angelegten Restaurierung der Malereien durchgeführt, wobei die mittelalterlichen Malereien von späteren Übermalungen wieder freizulegen sind.
Im Südquerhaus sind noch etwa 40 % der Originalausmalung erhalten, wobei es sich bei diesen um die farbintensiveren Flächen handelt. Die Nachmalungen der verschiedenen Restaurierungen sind hingegen eher verblasst. Die gotische Idee, durch große Fenster möglichst viel Licht in den Kirchenraum zu lassen, hat den romanischen Malereien geschadet.
Imervard-Kreuz
Innerhalb und außerhalb des Domes befinden sich zahlreiche historische Kunstwerke. Im nördlichen Seitenschiff ist das sogenannte „Imervard-Kreuz“. Es ist belegt, dass dieses romanische Kreuz älter als der Braunschweiger Dom ist – es stammt vermutlich aus dem Jahre 1150.
Es handelt sich um ein romanisches Viernagelkreuz, welches dem Volto-Santo-Typus zugeordnet wird. In der Wissenschaft werden stilistische Bezüge zu dem Kreuz des Domes von Lucca hergestellt. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um ein Prozessionskreuz, welches einer Prozession (vielleicht auch einem Kreuzzug oder einer Pilgerreise?) voran getragen wurde. Im Hinterkopf verbirgt sich eine kleine Lade, in der Reliquien aufbewahrt wurden. Auf dem Gürtel des Gekreuzigten ist die lateinisch Inschrift „IMERVARD ME FECIT“ (Imervard hat mich geschaffen) zu lesen.
Stilistisch gesehen wird hier, wie in romanischer Zeit üblich, kein leidender Christus dargestellt, sondern ein triumphierender Christus, ohne Dornenkrone, mit königlichem Gewand (Christus König).
Aus stilistischen Gründen handelt es sich mit Sicherheit nicht um ein Triumphkreuz, welches auf einem Balken an der Vierung angebracht war.
Marienaltar
Einer der vielen Altäre, die den Dom im Laufe der Jahrhunderte schmückten, ist der von Heinrich dem Löwen und seiner Frau Mathilde gestiftete Marienaltar. Bischof Adelog von Hildesheim weihte ihn am 8. September 1188, dem Tag der Geburt Mariens. Er besteht aus einer polierten Steinplatte (168 cm x 89 cm), die auf fünf Bronzesäulen (Höhe 95 cm) ruht. Die mittlere Säule enthält einen bleiernen Reliquienbehälter und eine lateinische Aufschrift, deren Übersetzung lautet:
„Im Jahre des Herrn 1188 ist dieser Altar zur Ehre der seligen Gottesmutter Maria geweiht worden von Adelog, dem ehrwürdigen Bischof von Hildesheim auf Veranlassung des berühmten Herzogs Heinrich, dem Sohn der Tochter des Kaisers Lothar II., und seiner frommen Gemahlin Mathilde, Tochter des englischen Königs Heinrich II., des Sohnes Mathildes, der Kaiserin der Römer.“
Der Marienaltar ist der einzige, der die über 800-jährige Geschichte des Domes „überlebt“ hat. Alle anderen Altäre sind verschwunden.
Siebenarmiger Leuchter
Ein weiteres, berühmtes Objekt ist der Siebenarmige Leuchter, der vermutlich um 1190 entstand. Im Braunschweiger Dom befindet er sich auf jeden Fall bereits seit vor 1196, da sich Ludolf von Volkmarode in einer Stiftungsurkunde dieses Jahres verpflichtet hatte, für die Wachskerzen dieses Leuchters zu sorgen.
Der Leuchter besteht aus 77 bronzenen Einzelteilen, hat eine Höhe von fast fünf Metern, eine Spannweite von vier Metern und wiegt über 400 kg.
In Ausgestaltung und religiöser Symbolik ähnelt der Braunschweiger Leuchter stark der Menora sowie dem Lebensbaum. Ähnliche Leuchter sind nur noch im Essener Münster und im Mailänder Dom zu finden.
Der Leuchter hat trotz seiner Ähnlichkeit mit der Menora mit dieser wenig gemein. Als gesichert kann angenommen werden, dass der Stifter den Dom als Abbild des salomonischen Tempels verstanden wissen wollte. Jedoch ist in diesem Leuchter wohl eher ein Grableuchter (Bezug zum Baum des Lebens) zu sehen, den Heinrich der Löwe wahrscheinlich für das Grab seiner kurz zuvor verstorbenen Frau Mathilde stiftete. Bezeichnend ist ebenfalls die himmelwärtige, auf einen Punkt zielende Ausrichtung der lilienförmigen Kerzenschalen, was wiederum auf eine Auferstehungssymbolik hinweist.
Grabmal Heinrichs des Löwen und Mathildes von England
Vor dem Marienaltar befindet sich das Grabmal Heinrichs des Löwen und seiner zweiten Ehefrau Mathilde, das beide Stifter überlebensgroß darstellt.
Es ist nicht direkt mit der Lebenszeit des Herzogspaares verbunden, sondern einige Jahrzehnte nach deren Tod entstanden. Bei den Grabfiguren handelt es sich um idealisierte Gestalten, die aber aufgrund der hervorragenden künstlerischen Qualität die Lebensnähe von Abbildern zu gewinnen vermögen.
Das Herzogspaar ist nicht im Alter der jeweiligen Todeszeit dargestellt, sondern als gleichaltrige Personen in der Blüte ihres Lebens. Die gesellschaftliche Stellung und Bedeutung der Persönlichkeiten werden durch Gesten und Attribute betont.
Der in Blickrichtung der Grabfiguren auf der rechten Seite ruhende Heinrich hält ein Modell des Braunschweiger Doms in seiner rechten Hand, in der linken ein mit dem Schwertgurt umwickeltes Schwert als Zeichen der Gerichtsbarkeit.
Mathilde umfasst mit ihren vor der Brust gefalteten Händen eine Schlaufe ihres Mantels. So werden der Herzog als herrschaftlicher Initiator des Kirchenbaus und die Herzogin als fromme Frau dargestellt, deren Gebetshaltung durchaus ihrer zeitgenössischen Bezeichnung als religiosissima femina entspricht.
Die Lebendigkeit des Ausdrucks äußert sich vor allem in den souverän geführten Gewändern der Dargestellten. Sie fungieren primär nicht als Verhüllung, sondern deuten die Körperpartien naturnah an und sind sogar in das Handeln der Figuren eingebunden, so bei Heinrich, der einen Mantelzipfel greift, um nicht das Sanktuarium des Modells zu berühren.
Zuvor war bei den früheren Grabplatten, etwa der des Rudolf von Schwaben aus dem 11. Jahrhundert im Dom zu Merseburg, ein Konflikt zwischen dem scheinbaren Stehen und dem tatsächlichen Liegen der Figuren sichtbar geworden.
Eine neue naturalistische Auffassung, die sich zeitlich eng verbunden mit den Grabplatten der Plantagenêts in der Abtei Fontevraud, in dieser Gegend jedoch erstmals in diesen Figuren manifestiert, überwindet diese Unentschiedenheit. Die Gewänder sinken zwischen den Beinen ein oder umhüllen geschmeidig fließend die Körper, an denen sie eigentlich herabhängen müssten, wenn Standfiguren gemeint wären. Auch das Kirchenmodell scheint mehr auf Heinrichs Brust zu liegen denn auf seiner Hand zu stehen. Diese neuartige Gestaltungsweise als künstlerische Errungenschaft hält sich bis in die jüngste Zeit im Mittelpunkt des Interesses der kunsthistorischen Forschung zum Braunschweiger Grabmal.
Die Entstehungszeit des Grabmals ist einigermaßen genau datierbar, da an dem Kirchenmodell, welches die Figur Heinrichs hält, bereits die ersten gotischen Veränderungen am Dom abzulesen sind (Durchbruch gotischer Fenster in der oberen Wand des Langhauses, wahrscheinlich zur besseren Beleuchtung oder Inszenierung des Grabmals selbst oder das Kaiser Ottos IV. zusammen mit dem dort stehenden siebenarmigen Grableuchter geschaffen). Dennoch schwanken die Datierungen zwischen 1200 und 1260. Am wahrscheinlichsten ist die Zeit kurz nach 1227, dem Todesjahr Pfalzgraf Heinrichs, in der die Lage Braunschweigs unsicher war und der Bruch von Besitzrechten auch durch die Gemahnung des Gedächtnisses an den großen Stifter vermieden werden sollte.
Sonnenuhren
Am Dom befinden sich vier Sonnenuhren, die aus den Jahren 1334, 1346, 1518, 1723 stammen.
Die beiden ältesten Uhren sind der Zeit entsprechend lediglich als Halbkreis geformt. Die Uhr aus dem Jahre 1518 zeigt bereits verschiedene Entwicklungsstufen dieses Uhrentyps. Die große Sonnenuhr am südlichen Turm wurde ursprünglich von dem Augsburger Kunsttischler Georg Hertel für die Städtische Münze am Kohlmarkt geschaffen und wurde erst 1723 (evtl. auch bereits 1716) am Dom angebracht. An ihr kann man nicht nur die Tageszeit und einige astronomische Daten ablesen, sie kann auch als Kalender genutzt werden.
Das Geläut
Der Dom besitzt zwölf Glocken, die überwiegend vom Anfang des 16. Jahrhunderts stammen. Es gehört zu den bedeutendsten Geläuten Deutschlands. Im Jahre 1502 wurden die drei größten von einem der renommiertesten Glockengießer seiner Zeit, dem niederländischen Meister Gerhard van Wou gegossen. Eventuell stammt von ihm auch noch eine vierte Glocke. Die größte dieser Glocken ist „Blasius major“ auch „Salvator“ (Ton a°) genannt. Sie wiegt über 4.300 kg und hat einen Durchmesser von 1,93 m. Des Weiteren stammen von ihm die Glocken „Maria“ (Ton h°) und „Johannes“ (Ton cis’) und evtl. auch die ehem. „Thomasglocke“, die jedoch 1660 abstürzte. Sie wurde erst 1989/90 durch die Glockengießerei Rincker aus Sinn unter dem Namen „Thomas Becket“ nachgegossen und wieder in das Domgeläut eingefügt (d’).
1506 wurde die Komplettierung des Geläuts durch sechs zusätzliche Glocken von seinem Gehilfen Hinrik van Campen durchgeführt. Die Glocken tragen die Namen: „Anna“ (eis’), „Blasius minor“ (ais’), „Kaspar“ (cis”), „Katharina“ (dis”), „Maria“ (gis’) und „Thomas“ (h’). Die älteste Glocke dürfte das „Adämchen“ resp. “Blasius minimus” (dis”‘) sein, denn ihrer Form nach stammt sie aus dem 15. Jahrhundert.
Die Glocke „Gabriel“ (eis”) wurde im Jahre 1700 vom Braunschweiger Glockengießer Arnold Grete aus einer ebenfalls 1506 von Hinrik van Campen geschaffenen Glocke umgegossen.
Während des Zweiten Weltkriegs sollten sämtliche Glocken des Domes zwecks Einschmelzung abgeliefert werden. Tatsächlich blieben die drei größten aber in der Glockenstube. Die anderen konnte man nach Kriegsende glücklicherweise unversehrt vom „Glockenfriedhof“ bergen und an ihren angestammten Platz zurückbringen.
Restaurierung der großen Glocken
Am 23. April 2006 verließen die drei größten Glocken des Domes („Blasius major“, „Maria“ und „Johannes“) zum ersten Mal seit über 500 Jahren ihren angestammten Platz im Glockenstuhl, um sich Restaurierungsarbeiten im Glockenschweißwerk Lachenmeyer in Nördlingen zu unterziehen. Nach vollendeter Arbeit, kamen sie zwei Monate später, am 23. Juni, wieder nach Braunschweig zurück.
Schweißungen an Glocken werden vorgenommen, um Risse, die infolge Materialermüdung entstanden waren, wieder zu verfüllen. Dabei wurden die Risse zunächst ausgesägt, sodann die Glocke auf Hochtemperatur gebracht, die jedoch noch weit unter dem Schmelzpunkt liegt. Anschließend wurden die Risse mit Bronze der exakt gleichen Legierung ausgegossen. Durch die Hochtemperatur werden die Elementarteilchen auch an den nicht geschweißten Teilen der Glocke neu ausgerichtet, eventuell ermüdete Stellen sind dann ebenfalls „wie neu gegossen“.
Im Zusammenhang mit den Schäden an den drei größten Glocken des Doms wurde in der letzten Zeit deutliche Kritik an der Läutepraxis geübt, welche bislang darin bestand, eben diese Glocken täglich mindestens 10 Minuten zu läuten. Ein schonenderer Umgang mit 500 Jahre alten Denkmalglocken wurde vermehrt angemahnt.
Die Krypta
Im Dom befindet sich eine große Krypta, die Grablege der welfischen Fürsten der braunschweigischen Linie vom 17. Jahrhundert bis in das 19. Jahrhundert.
Der Braunschweiger Dom während der Zeit des Nationalsozialismus
Die Nationalsozialisten versuchten mehrfach, Heinrich den Löwen und den Dom ideologisch-propagandistisch im Sinne der nationalsozialistischen Rassen- und Lebensraum-Ideologie zu instrumentalisieren. Besonderes Interesse hieran zeigte der braunschweigische Ministerpräsident und NSDAP-Mitglied, Dietrich Klagges, der für Braunschweig den Titel der „deutschesten Stadt“ erringen wollte, einen Titel, den Hitler später Nürnberg zuerkannte.
Durch seinen 1147 unternommenen Kreuzzug gegen die slawischen Völker nordöstlich Braunschweigs (bis zur Ostseeküste), deren daraus resultierende Unterwerfung sowie die danach verstärkte Ostkolonisation versuchten nationalsozialistische Ideologen wie z. B. Alfred Rosenberg, Heinrich den Löwen als Vorreiter ihrer Ideologie erscheinen zu lassen.
Zwischen 1935 und 1940 wurde die aus dem 19. Jahrhundert stammende Inneneinrichtung des Domes vollständig entfernt und das Gebäude in Sinne des Regimes teilweise baulich und gestalterisch verändert.
Legenden
Kratzspuren am Löwenportal
Auf der Nordostseite des Domes befindet sich das sogenannte „Löwenportal“. Es ist das einzige erhaltene Domportal aus romanischer Zeit und bekannt für die dort in den steinernen Türlaibungen befindlichen „Kratzspuren“. Der Sage nach sollen sie vom Löwen Heinrichs des Löwen stammen. Als der tote Herzog aufgebahrt im Dom lag, versuchte der Löwe zu seinem Herrn zu gelangen, indem er am Portal kratzte.
Die tatsächliche Ursache dieser „Kratzspuren“ dürfte allerdings darin liegen, dass Soldaten dort ihre Waffen, wie z. B. Schwerter und Lanzen zum Schärfen wetzten, was im Laufe der Jahrhunderte die tiefen Einkerbungen hinterließ. Eine andere Erklärung ergibt sich aus der Tatsache, dass dieses Portal das einzige ist, welches aus der Erbauungszeit des Domes stammt und somit mit einiger Wahrscheinlichkeit das Portal darstellt, „dessen Steine Heinrich den Löwen gesehen“ haben. Im Mittelalter und Spätmittelalter maß man daher den Steinen eine besondere (Heil-)Kraft zu und versuchte aus ihnen Pulver zu gewinnen. Durch die Einnahme dieses Pulvers versprach man sich Teilhabe an der legendären Kraft Heinrichs des Löwen. Ein weiterer Grund für die Bevölkerung, sich Teile des Steines abzukratzen, könnte mündlicher Überlieferung zufolge auch darin zu sehen sein, dass Sankt Blasius, dem der Dom geweiht ist, der Schutzpatron der Halskranken ist. Die Einnahme des Pulvers sollte Heilung bringen.
Kanonenkugel in der Ostwand
In der Ostseite des Domes befindet sich eine Kanonenkugel in der Mauer. Sie soll von einer der zahlreichen Belagerungen der Stadt im 17. Jahrhundert stammen. Unter der Kugel ist in römischen Ziffern „20. August 1615“ eingemeißelt. Dies weist auf die Belagerung durch die Truppen Herzog Friedrich Ulrichs von Braunschweig-Wolfenbüttel im Sommer 1615 hin.
Dieser Artikel stammt aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar